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Beruf + Berufung

Immer wieder sagten Todkranke zu mir: «Ach, hätte ich doch früher …»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 6. Januar 2018

Anna Jelen wurde durch Kindheitserlebnisse und ihren ersten Beruf zur Zeit-Expertin.

Anna Jelen wurde durch Kindheitserlebnisse und ihren ersten Beruf zur Zeit-Expertin.

 

Als Kind fragte Anna Jelen in eine heitere Geburtstagsrunde hinein, wann ihr Leben wohl zu Ende gehe. Später arbeitete sie als Produktmanagerin für Brustprothesen und erlebte, wie Menschen ihr Leben in letzter Minute zu ändern versuchen angesichts des nahen Todes. So entschied sie sich mit 24 Jahren, die Weichen neu zu stellen.

Interview: Mathias Morgenthaler

 

 

 

 

Frau Jelen, hatten Sie als Kind einen Berufswunsch?

ANNA JELEN: Mein grösster Kindheitswunsch war, 30-jährig zu werden. Ich hatte schon in ganz jungen Jahren ein spezielles Verhältnis zur Zeit. Während andere den Gedanken an ihre Sterblichkeit bis ins hohe Alter verdrängen, habe ich schon ganz früh so sehr im Moment gelebt, dass es für mich lange Zeit unvorstellbar war, ein hohes Alter zu erreichen. Wenn ich in Schweden, wo ich zum Teil aufgewachsen bin, am Meer stand, war ich wie gelähmt vor lauter Ehrfurcht und erlebte den Moment so intensiv, dass ich alles um mich herum vergass. Und einmal, an einem Geburtstagsfest, fragte ich als kleines Kind mitten in die heitere Runde hinein: «Welches ist wohl mein Enddatum?» Die Leute schauten mich entgeistert an, aber ich fand es unglaublich interessant, dass wir alle unser Geburtsdatum kennen, aber niemand den Tag seines Todes. Für mich erzeugte diese unbestimmte Limitierung eine positive Spannung, und ich hatte früh das Gefühl, aus der Begrenztheit resultiere eine Verpflichtung, das Leben intensiv zu gestalten.

Und dann wären Sie in der Tat beinahe sehr jung gestorben.

Ja, mit 17 Jahren verlor ich während eines Spaziergangs mit unserem Hund in den Schweizer Bergen die Orientierung. Wir irrten lange durch einen Schneesturm, und nachdem es eingedunkelt hatte, legte ich mich durchfroren und entkräftet in den Schnee. Nach einiger Zeit liefen vor dem inneren Auge Bilder meines Lebens ab und ich dachte: «Das ist ja wie im Film, aber ein gutes Zeichen ist das nicht – mein Körper hat den Kampf offenbar aufgegeben.» An viel mehr erinnere ich mich nicht. Mein Hund hat mir damals das Leben gerettet. Erst legte er sich auf mich, um mich zu wärmen, später, als mein Zustand kritisch wurde, fand er zurück ins Dorf und holte Hilfe, sodass ich am nächsten Morgen im letzten Moment gerettet wurde.

Was für Bilder haben Sie gesehen in diesem Moment zwischen Leben und Tod?

Ich war erstaunt, was für banale Alltagsbilder das waren: Zum Beispiel, wie ich mit meinem Vater beim Italiener essen ging. Erst später begriff ich, dass dieser Moment zwar nicht spektakulär, aber emotional bedeutsam war: Weil ich meinen Vater an diesem Abend für mich alleine gehabt hatte und nicht mit meinen Geschwistern hatte teilen müssen. Ich war stolz wie ein Pfau gewesen, was den Moment für mich zu einem besonderen gemacht hatte. Im Nachhinein verstand ich, dass die Zeit aus Momenten besteht und wir uns am Ende des Lebens an die emotionalen Momente erinnern. So stand für mich von da an die Frage im Zentrum, wie wir jeden Tag intensive Momente kreieren können.

Und folgerichtig entschieden Sie sich, als Zeit-Expertin zu arbeiten?

Ich brauchte noch ein paar Umwege, um dorthin zu kommen. Nach der Matura arbeitete ich in einem Unternehmen, das Prothesen herstellte. Als Produktmanagerin für Brustprothesen reiste ich permanent mit einem Köfferchen mit zwölf verschiedenen Brustformen zu Patientinnen, die vor kurzer Zeit eine Krebsdiagnose erhalten hatten und entsprechend ihr Leben zum Besseren verändern wollten. Mich beschäftigte das sehr und ich dachte immer wieder: Der Mensch ist seltsam, er ändert sich erst dann, wenn er weiss, wie wenig Zeit ihm noch bleibt. Immer wieder sagten Todkranke zu mir: «Ach, hätte ich doch früher …» Ich hörte mir das Dutzende Male an, bis ich als 24-Jährige eine krebskranke Frau im Berner Oberland besuchte, die mich unbedingt noch einmal sehen wollte vor ihrem Tod und zu mir sagte: «Ich wollte noch so viel machen nach meiner Pensionierung mit meinem Mann, und jetzt erwarte ich hier den Tod und muss mir eingestehen, dass ich viel zu viel gearbeitet und es vor allem den anderen recht gemacht habe.»

Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Es war eine surreale Situation. Die Frau sass in einer Art Glaskubus auf ihrem Liegestuhl, umgeben von tropischen Pflanzen und Hunderten von Schmetterlingen. Für mich war es, als stünde die Zeit still – wieder so ein Moment, der sich in meine Erinnerung eingebrannt hat. Ich fuhr aufgewühlt nach Luzern zurück, machte am Sempachersee Halt und schrieb in mein Tagebuch: «Und ich warte nicht auf eine Diagnose!» Am nächsten Tag ging ich auf meinen Chef zu und sagte zu ihm: «Ich will keine Prothesen mehr verkaufen, sondern Seminare anbieten, in denen unsere Kunden lernen, ihre Zeit besser zu nutzen.» Mein Chef schluckte leer, bedingte sich etwas Bedenkzeit aus und gab mir schliesslich grünes Licht, einen entsprechenden Workshop zu entwickeln für das Mutterhaus in Deutschland und konzernweit anzubieten. So konnte ich das Phänomen Zeit aus philosophischer, psychologischer und soziologischer Perspektive erforschen und tiefer in diese packende Materie eintauchen.

Und später haben Sie sich auf diesem Gebiet selbstständig gemacht?

Ja, ich hatte zu Beginn viele Freiheiten erhalten von meinem Arbeitgeber, aber nach einigen Jahren wurde mir das Korsett zu eng. Ich entschied mich, zu kündigen und den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen – und machte in den nächsten vier Jahren so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Ich hatte keine Ahnung von Buchhaltung, liess jegliches unternehmerische Denken vermissen, arbeitete ein Jahr lang in meinem Büro an perfekten Flipchart-Präsentationen, las unzählige Bücher und lebte vom Ersparten, während ich endlose Brainstormings mit mir selber abhielt aus Furcht davor, jemanden anzurufen und mich zu verkaufen. Meinen Treuhänder traf fast der Schlag, als er die Buchhaltung des ersten Jahres zusammenstellte, und auch danach verbesserte sich die Situation nur langsam. Ich befolgte viele Ratschläge von Marketingfachleuten, produzierte Flyer und verschickte Mailings ohne grosses Echo. Die Situation änderte sich erst, als mein Mann mich vor vier Jahren eines Abends in Tränen aufgelöst über einem Stapel Rechnungen sitzend fand, mich zum Essen mitnahm und fragte: «Wie würdest du es machen, wenn du keine Ratschläge befolgen, sondern nur auf dich hören würdest?»

Teil 2 des Interviews  (hier nachzulesen).